Unser obertes Ziel: Nachhaltigkeit

Der Begriff der Nachhaltigkeit (sustainability) gilt seit mehreren Jahren als Leitbild für eine zukunftsfähige, nachhaltige Entwicklung der Menschheit. Aber was genau ist eigentlich Nachhaltigkeit? Gibt es wirklich die Nachhaltigkeit oder versteht vielleicht jeder etwas anderes unter diesem Begriff?

Erstmals wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit vor rund 300 Jahren formuliert. Hans Carl von Carlowitz Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg (Sachsen), forderte 1713 in seinem „Sylvicultura oeconomica“, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung durch Säen und Pflanzen wieder nachwachsen konnte und gilt deshalb als Schöpfer des forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeitsbegriffes. In der Forstwirtschaft wurde der Begriff aufgegriffen und u.a. ins Englische und Französische übertragen. Aus dem englischen „sustainable“ wurde Laufe des 20. Jahrhunderts dann durch die internationalen Konferenzen der Vereinten Nationen „sustainable development“.

Nachhaltigkeitsmodelle: Mittlerweile hat sich das Nachhaltigkeitsdreieck als Sinnbild durchgesetzt, da es ökologische, ökonomische und soziale Aspekte der Nachhaltigkeit verbindet. So formuliert der  Rat für nachhaltige Entwicklung: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen.”

Nachhaltig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Das Nachhaltigkeitsdreieck (triangle of sustainability) ist ein vielfach verwandtes Sinnbild, das verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit vereint. Bestehend aus den Prinzipien Ökologie, Ökonomie und Soziales, verdeutlicht es, dass Nachhaltigkeit mehr als Klimaschutz ist.
Die genaue Herkunft des Nachhaltigkeitsdreicks lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren. Vielfach wird der Oldenburger Professor Bernd Heins, Leiter der Arbeitsstelle INEP für nachhaltiges Energiemanagement, Politik, Risiko und soziale Innovationen, als Urheber des Modells im Jahre 1994 genannt.

Gleichzeitig ist allerdings ein ähnliches Nachhaltigkeitsverständnis zu diesem Zeitpunkt schon in der internationalen Debatte nachgewiesen. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle kommt dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) zu, der 1996 forderte, dass wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichrangig berücksichtigt werden. Wir betrachten Sustainable Development also nicht als ein einseitiges ökologisches, sondern als ein ganzheitliches Zukunftskonzept. Denn jeder dieser drei Bereiche trägt dazu bei, dass eine langfristige und tragfähige Entwicklung möglich wird.

Der VCI speiste das Modell auch in die Diskussion der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages Schutz des Menschen und der Umwelt ein. Dieser thematisierte es in seinem 1998 vorgelegten Abschlussbericht, so dass es dadurch Einzug in die öffentliche Auseinandersetzung erhielt.

Die Verbindung der drei Prinzipien Ökologie, Ökonomie und Soziales soll verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit nur erreicht werden kann, wenn ökologische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigt werden. Das Dreieck ist in der Regel gleichseitig konzipiert, um zu verdeutlichen, dass allen drei Seiten die gleiche Bedeutung zukommt. Diese Konzeption hat Bundesregierung in der Nachhaltigkeitsstrategie 2002 bekräftigt und festgelegt, dass „die umwelt-, wirtschafts- und sozialpolitischen Ziele gleichermaßen berücksichtigt werden“ müssen.

Eine Erweiterungsmöglichkeit ist die um die politisch-prozessuale Komponente Institutionen; bzw. Partizipation, wie es beispielsweise ein Modell der Kommission für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen vorsieht. Dieser Aspekt soll auf die zentrale Bedeutung von partizipativen Entscheidungselementen und Strukturen zur Umsetzung von Entscheidungen auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Entwicklung verweisen.

Es existieren unterschiedliche Vorstellungen über die Gewichtung der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit. In der Diskussion um Nachhaltigkeit, vor allem bei der Bewertung der verschiedenen Nachhaltigkeitsmodelle, wird zwischen starker und schwacher Nachhaltigkeit unterschieden.

Als schwache Nachhaltigkeit bezeichnet man die Vorstellung, dass natürliche Ressourcen durch Human- und Sachkapital ersetzt werden können. Für Vertreter dieser Form von Nachhaltigkeit ist ein System nachhaltig, solange das Gesamtkapital (bestehend aus natürlichen Ressourcen, Human- und Sachkapital) gleichbleibt oder wächst. Ein Rückgang an Naturkapital, also der Abbau von Rohstoffen oder der Rückgang natürlicher Lebensräume ist auch dann noch nachhaltig, wenn dieser durch steigendes Kapital in den anderen Bereichen ausgeglichen wird. In diesem System steht nicht die Bewahrung der Umwelt im Vordergrund, sondern die Aufrechterhaltung und Steigerung des Gesamtwohlstandes. Deswegen wird schwache Nachhaltigkeit auch als anthopozentrisch bezeichnet.

Als starke Nachhaltigkeit wird der Ansatz bezeichnet, in dem die Ökologie über die anderen Dimensionen, wie Ökonomie, Kultur, Soziales gestellt wird, da sie die Grundlage für diese bildet. Diese Ansicht wird von vielen Experten vertreten, die die natürlichen Ressourcen als Grundvoraussetzung für alle anderen Entwicklungsfelder ansehen. Die Substituierbarkeit von Ressourcen ist auch in diesem System möglich, jedoch nur zwischen Human- und Sachkapital und innerhalb verschiedener natürlicher Ressourcen. Ein Austausch oder Ersetzen von natürlichen Ressourcen durch Human- oder Sachkapital ist hier nicht möglich.

Gerechtigkeit ist das Verständnis, das aus der andauernden Anstrengung entsteht, Ungerechtigkeit zu überwinden. So lautet die Definition von Ressourcengerechtigkeit des Wuppertal Instituts. Doch die meisten Theorien der Gerechtigkeit sind für nationalstaatlich verfasste Gesellschaften entwickelt worden. Das bedeutet, dass diesen Theorien eine territorial abgrenzbare Gesellschaft zugrunde gelegt wird, deren Architektur durch den Staat garantiert wird und deren Mitglieder durch soziale Kooperation und gemeinsame Grundwerte zusammengehalten werden. (Wuppertal Institut 2005).

Im Zuge der Globalisierung leben die Menschen jedoch immer weniger in geschlossenen Gesellschaften, sodass diese Theorien auf eine internationale Ebene erhoben werden müssen. Denn es entstehen immer mehr internationale Beziehungen, die aber auf einer gerechtigkeitsfreien Grundlage basieren. Daher sollte nicht nur die Nation als Gerechtigkeitsgemeinschaft (community of justice) geführt werden,sondern auch die Weltgesellschaft (d.h. eine Gemeinschaft des Rechtes, die alle Bewohner der Erde als Mitglieder ansieht.

Für die Formulierung von Leitbildern der Gerechtigkeit, hat sich das Wuppertal Institut von den Grundformen der Gerechtigkeit von Aristoteles inspirieren lassen, die selbst vor dem Hintergrund der Globalisierung weiterhin gelten: Da wäre die absolute Gerechtigkeit, die Verteilungsgerechtigkeit iustitia distributiva, die Tauschgerechtigkeit iustitia commutativa und schließlich die ausgleichende oder kompensatorische Gerechtigkeit iustitia correctiva. Daraus hat das Wuppertal Institut vier Leitbilder der Ressourcengerechtigkeit abgeleitet: Existenzrechte garantieren, Ressourcenansprüche zurückbauen, Austausch fair gestalten, Nachteile kompensieren.

Existenzrechte bilden den elementarsten Teil der Menschenrechte, besonders im Bezug darauf, wie sie im internationalen Pakt für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte niedergelegt worden sind. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist in den Artikeln 1 und 3 folgendes verankert: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.(Artikel 1) und Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person(Artikel 3). Daher umfasst der Begriff Existenzrechte hauptsächlich das, was Personen allein zur ihrer physischen Entfaltung als Lebewesen brauchen: gesunde Luft und genießbares Wasser, elementare Gesundheitspflege, angemessene Nahrung, Bekleidung und Wohnung.

Zur Sicherung der Existenzrechte, ist ein aktiver Schutz der natürlichen Ressourcen notwendig, da diese zum Lebensunterhalt beitragen. Dies bedeutet, dass der Umweltschutz mit dem Wunsch der Existenzsicherung sowie der Armutsbekämpfung einher geht. Denn gerade die arme Bevölkerung ist auf intakte Ökosysteme angewiesen, die unter anderem ihr Überleben sichern. Zerstört man nun diese Naturräume, werden ihre Existenzrechte untergraben.

Von den Existenzrechten lässt sich eine Grundregel der Verteilungsgerechtigkeit ableiten, die dem Kern des zweiten Leitbilds der Ressourcengerechtigkeit entspricht. Demzufolge sind die Ressourcen so zu verteilen, dass die Vielverbraucher nicht die Existenzechte der Armen untergraben. Dafür müssen die Länder, in denen es eine hohe Nachfrage an Naturressourcen gibt, ihre Mengen Ressourcenverbrauch reduzieren.

Bei dem dritten Leitbild geht es um den Austausch von Handelswaren zwischen Ländern und Unternehmen. Getauscht wird zwischen den Menschen seit Anbeginn der Menschheit. Doch ein fairer Austausch besteht darin, wenn das Nehmen und Geben gleichwertig ist. Er wahrt die Interesse aller Beteiligten und ist nicht nur auf die Vorteile eines Tauschpartners bedacht. Dies ist oft bei dem Austausch Ressourcen zwischen denjenigen der Fall, welche die Ressourcen bereitstellen, und solcher, welche die mit ihnen geschaffenen Produkte auf die Märkte bringen. Wenn man als Beispiel die Wertschöpfungskette eines T-Shirts heranzieht, so bleiben nur ein paar Prozent des Endpreises bei den Baumwollproduzenten und knapp 20 Prozent bei den verarbeitenden Textilunternehmen in den dortigen Ländern. Der Rest wird durch in den Konsumländern lebenden Dienstleister abgeschöpft.

Das vierte Leitbild zeigt, dass Gleichwertigkeit von Geben und Nehmen teilweise auch ungerecht sein kann, wenn z.B. die Ausgangsbedingungen der Handelspartner unterschiedlich sind. Denn gerecht ist nur, wenn man Gleiche gleich und Ungleiche aber ungleich behandelt. Die von Aristoteles genannte iustitia correctiva, die ausgleichende Gerechtigkeit, wird Benachteiligten zum Ausgleich Vorteile einräumen.

Langfristig wird der hohe Ressourcenverbrauch und die ungerechte Aneignung von Ressourcen zu einer Verschärfung des Ressourcenkonflikts führen. Diese Ressourcenkonflikte könnten dann in Ressourcenkriegen um die Verteilung der immer knapper werdenden Schätze des Planeten münden. Eine Politik der Ressourcengerechtigkeit leistet dabei nicht nur einen Beitrag zur Umwelt- und Gerechtigkeitspolitik, sondern auch zur Sicherheits- und Friedenspolitik.

Quelle: www.nachhaltigkeit.info

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